Nicht erst der letzte Sommer hat gezeigt: Weltweit wächst der Bedarf an einer nachhaltigen und effizienten Agrarproduktion, die auch extremen Witterungsverhältnissen standhält. Genau diese Lösung erforscht SeedForward – ein niedersächsisches Startup, dessen Gründer wissen: Die Chemie muss stimmen!

Eigentlich soll Jacob Bussmann nach seinem Studium den familiären landwirtschaftlichen Betrieb im Emsland übernehmen. Doch den Forst- und Umweltwissenschaftler zieht es erst einmal mit einem EU-Förderprogramm nach Südafrika. Hier will er sein Fachwissen um unternehmerische Skills erweitern. Er ahnt nicht, dass er bereits kurz davor steht, tatsächlich ein Unternehmen zu gründen. Denn: Vor Ort trifft er auf Jan Ritter. Der Agrar- und Pflanzenwissenschaftler ist zu diesem Zeitpunkt bereits seit vier Jahren in Südafrika und an landwirtschaftlichen Beratungsprojekten beteiligt. „Wir wussten sofort, wir brennen für dasselbe Thema!“, erzählt Jacob.

Und so fangen sie an, sich über klimaangepasste Landwirtschaft zu unterhalten und entwickeln schließlich die Idee einer Saatgutbeschichtung, die die Feuchtigkeit am Korn hält und es so widerstandsfähiger macht. Das südafrikanische Klima ist perfekt für ihre Grundlagenforschung. Doch die politischen Strukturen sind instabil, der Zugang zu Finanzierungen ist alles andere als leicht. Also entschließt sich das Gründerteam zurück nach Deutschland zu gehen – ins niedersächsische Osnabrück, Jacobs Heimat und Hotspot der deutschen Landwirtschaft.

Die Idee fällt auf fruchtbaren Boden

In Deutschland nimmt Jacob Kontakt zu verschiedenen Forschungsinstituten und Wirtschaftsunternehmen auf, Jan forscht derweil weiter in Südafrika. Unterstützung erhalten sie von Forschern an den Hochschulen Osnabrück und Oldenburg – sowie von Mentoren wie Elke Haase, Gründerin und Eigentümerin der Firma Piccoplant. Anfang 2017 kommt dann die Zusage für ein EXIST-Gründerstipendium des Bundesministeriums für Wirtschaft und Energie. Verschiedene andere Förderprogramme und Stiftungen, wie die Bruno Steinhoff Stiftung für Wissenschaft und Forschung, sagen ihre Unterstützung zu und die SeedForward GbR wird gegründet.

Währenddessen zahlt sich Jacobs Netzwerken aus: „Mit dem nötigen Startkapital und dem Know-how aus Coachings konnten wir unsere Labor- und Gewächshausversuche in Deutschland starten“. Auch mit an Bord: einige landwirtschaftliche Betriebe der Region. „Das war Gold wert“, sagt Jan. „Erst in Feldversuchen fällt die Notwendigkeit von teils banalen Anpassungen auf, an die man vorher gar nicht gedacht hatte.“ Die erfolgreiche Kornablage im Boden zu überprüfen, gestaltet sich beispielsweise mit grauen Samen schwierig – man findet sie schlicht nicht wieder. Beim nächsten Versuch sind die Körner dann farbig. So treiben das direkte Feedback der Landwirte und der regelmäßige Austausch mit den niedersächsischen Agrarinstituten die Produktentwicklung immer weiter voran.

SeedForward Körner Saatgut
Erfahrung ist Gold wert: Dass Feedback aus der Praxis nicht zu unterschätzen ist, zeige sich den Gründern bei der Farbe des Saatguts. Die ursprünglich dunklen Körner waren auf dem Acker schlichtweg nicht zu sehen (Bild: Angela v. Brill).

Die Wachstumsförderer

„In Niedersachsen existieren wirklich super Rahmenbedingungen für uns“, erklärt Jacob. „Es gibt hier sehr viele familiengeführte mittelständische Unternehmen und die Fördermöglichkeiten haben sich gerade in den letzten Jahren stark entwickelt.“ Egal, ob über das InnovationsCentrum Osnabrück, dessen Startup-Zentrum Seedhouse oder EXIST, alle Programme unterstützen nicht nur finanziell, sondern steigern auch die Sichtbarkeit. „Wir waren auf vielen Pitches, haben jede Menge Leute kennengelernt und Erfahrungen ausgetauscht“, erinnert sich Jacob.

Und dieses Networking sollte sich noch als sehr wertvoll herausstellen. „Auch, wenn man mit Hilfe guter Fördermittelberatung tendenziell schon einiges an Budget zusammenkommt, ist ein Mix aus Stiftungsmitteln, Geldern aus öffentlicher Hand sowie von Investoren für viele Startups ratsam“, erklärt Jacob. Also verhandelt SeedForward mit einem Investor. Alles ist unter Dach und Fach, doch dann bleibt die Rückmeldung aus. Eine Zeit voller Zweifel und Angst vor einer immensen finanziellen Schieflage droht das Projekt ins Wanken zu bringen und erschüttert das Vertrauen der Gründer in Investoren nachhaltig. Die Rettung: Ein früherer Pitch-Kontakt und die Aloys & Brigitte Coppenrath Stiftung, die junge, innovative Gründer dabei unterstützt, mit reduziertem Risiko durchzustarten.

Ein Team wächst über sich hinaus

„In solchen Zeiten merkt man erst, wie viel Druck auf einem lastet“, berichtet Jacob und fügt hinzu: „Und wie wichtig es ist, ein gutes Team zu sein.“ Man könne noch so viele Businesspläne schreiben, im Zweifelsfall komme es eben doch anders, als man denkt. „Ich habe enormen Respekt vor Gründern, die allein agieren und bin sehr froh, mit Jan einen Geschäftspartner an meiner Seite zu wissen, der genauso für unser Projekt brennt wie ich.“ Das stärkt enorm. „Man muss Erfahrungen sammeln! Vieles findet man einfach nicht in Fachbüchern“, pflichtet ihm Jan bei: „Und wenn man dabei an Grenzen stößt, sind sie gemeinsam viel schneller überwunden.“

Diese Philosophie und eine fruchtbare (Förder-)Umgebung haben dazu beigetragen, dass Jacob und Jan im Frühjahr 2019 mit ihren sieben Festangestellten widerstandsfähige Maissamen für 5.000 Hektar verkauft haben, im Herbst ein Getreideprodukt auf den Markt kommen und selbstverständlich die bestehende Produktpalette fortlaufend weiterentwickelt beziehungsweise ergänzt wird. Was sie anders machen würden? „Früher eine Bürohilfe einstellen“, sagt Jacob und lacht, „dann hat man mehr Zeit dafür, die optimale Zusammensetzung zu finden – sei sie chemischer, finanzieller oder zwischenmenschlicher Art.“

Nominierungen

  • Innovationspreis Niedersachsen 2019 nominiert in der Kategorie Wirtschaft
  • Postcode Lotteries Green Challenge 2019

Wettbewerbe und Challenges

  • StartGreen Award 2017: Sieger in der Kategorie Gründungskonzept
  • Green Innovation and Investment Forum: Best Green Tech Idea early Stage
  • Future Agro Challenge 2017
  • agro innovation lab 2017

 

(Bild Header: Drießen)